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KORAN ZEITGEMÄSS AUSLEGEN - Vision vom modernen Islam in Meppen diskutiert

Dina El Omari kommt, um für eine moderne Lesart des Korans zu werben. Johannes Küper, um ihr zuzuhören. El Omari ist in Lathen geboren und arbeitet als promovierte Islamwissenschaftlerin an der Uni Münster . Küper kommt aus Meppen und war früher Geschichtslehrer. Heute gibt der Pensionär Deutschunterricht für Flüchtlinge an der VHS. Gerade ist eine Kursreihe ausgelaufen. „Zum Abschied haben mich zwei Muslimas umarmt“, sagt er. Küper möchte mehr wissen über die Menschen, die zu Deutschland gehören wollen. Und über ihren Glauben. Den Titel des Abends findet er überraschend: Barmherzigkeit werde selten in einem Atemzug mit dem Islam genannt.
Die 34-jährige El Omari trägt ein Kopftuch und spricht das präzise Deutsch einer Wissenschaftlerin. „Die Inhalte des Islams stehen nicht im Widerspruch zu modernen europäischen Werten“, findet sie. Bisweilen führt das zu Widerspruch: „Kontroversen kommen bei meinen Vorträgen vor“, sagt sie, bevor sie sich mit ihren Thesen den Zuhörern in der Aula des Marianums stellt.

Allumfassende Barmherzigkeit

Über allem stehe die Annahme, dass der im Koran geschilderte Gott barmherzig sei, führt El Omari in die Schrift ein. Forderungen nach Strafe seien dem stets untergeordnet und als pädagogische Maßnahme auf dem Weg zum Seelenheil zu sehen. „Meine Strafe trifft, wen ich möchte, aber meine Barmherzigkeit umfasst alle“, zitiert sie aus einer Sure des Korans. Gott selbst offenbare sich im Koran als „Allerbarmer“ und „Allerbarmender.“
Küper folgt ihrem Vortrag schweigend und aufmerksam. Wie auch die anderen Besucher in der Aula. Es sind Wenige gekommen – aber: Die Wenigen sind bewandert. Manches, was El Omari referiert, wird zu Nachfragen führen. Und zu Widersprüchen.

Geschichtlichen Ballast abtragen

Ihre Argumentation gründet auf einer historisch-kritischen Rezeption des Korans: Die Schrift enthalte mehrere Ebenen. Manche besäßen zeitlose Gültigkeit, andere seien im Kontext ihrer Entstehung zu betrachten. „Das Werk wurde von Menschen im siebten Jahrhundert nach Christus geschrieben. In einer Welt, die völlig anders war als unsere heutige.“ Passagen, die aus heutiger, westlicher Sicht befremdlich oder grausam wirkten, bezeugten die damalige Lebenswirklichkeit. Nicht aber das Wesen Gottes und des Glaubens. Um den Kern des Korans zu erfassen, müsse man den geschichtlichen Ballast abtragen und die Aussagen freilegen, die Auskunft über die eigentliche Beschaffenheit göttlicher Prinzipien geben.

Zugespitzt heißt das: Abgehackte Hände sind eine Sanktion, die zur Entstehungszeit des Korans üblich und den Verfassern vertraut war. Deswegen fand sie Eingang in die Schrift – und nicht, weil Gott dies befohlen habe. Die Rolle der Frau interpretiere der Koran fortschrittlich – nur habe sie seit dessen Entstehung keine Aktualisierung mehr erfahren: „Bezogen auf das siebte Jahrhundert wird eine positive Dynamik angestoßen. Der Mann wird im Koran verpflichtet, die Frau zu ernähren und soziale Sicherheit zu geben“, erklärt El Omari.

Bedrohliche Wirkung

Dass das Frauenbild im Islam über 1400 Jahren vielerorts gleichgeblieben ist, sei nicht dem Koran anzulasten. Sondern den Gläubigen: „Das Wort ist nicht unveränderbar. Wenn wir den Koran lesen, sollten wir fragen: Wie würde Gott heute verkünden?“ Glaube müsse im Dialog mit Gott stets neu verhandelt werden. In weiten Teilen der islamischen Welt herrsche aber die Praxis, Rituale und Gebote unhinterfragt auszuüben – was die Religion despotisch, bedrohlich und wenig zeitgemäß wirken lasse.
El Omari zeichnet in ihrem Vortrag das Bild eines Glaubens, der reformierbar und vielschichtig ist. „Vielen Dank, sie haben mir das Gottesbild des Islam näher gebracht“, sagt eine Dame aus dem Publikum hinterher. Andere Stimmen loben die Vision eines modernen, europäischen Islams – und kritisieren ihn als Utopie: In vielen muslimischen Gesellschaften werde Gewalt mit dem Koran legitimiert. „Wo gibt es denn liberale Moscheen, die Ihre Auslegung der Schrift teilen?“, fragt jemand. Was sei mit den Juden, was mit den sogenannten Ungläubigen? El Omari kennt die Kritikpunkte, denen sie sich stellen muss.

„Positive Perspektive“

Viele teilt sie, viele seien legitim: Genau deswegen gebe es in Deutschland mittlerweile eine wissenschaftlich arbeitende islamische Theologie , sagt sie. Um neue Deutungsmuster zu etablieren. Um die Botschaft des Korans für die Gegenwart zu ermitteln. Ein überfälliger Schritt. Er sei „spät, aber nicht zu spät“ erfolgt, gibt sie sich zuversichtlich. Küper, der Lehrer, ist hinterher beeindruckt: Offenheit und Kenntnis der Referentin hätten ihn überzeugt, ebenso der Ansatz ihrer Disziplin. „Es entsteht eine sehr positive Perspektive, die ein Signal für die Welt sein könnte“, sagt er. Und denkt an seine Sprachschüler: „Meine persönlichen Kontakte stimmen mich eher optimistisch.“

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